Der Junge mit dem Brot

 

Diese Geschichte habe ich geschrieben für den Kindergottesdienst am 13. Dezember 2014 im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Bad Oeynhausen.
Danach habe ich sie auch in Altenheimen verwendet.
Alles in Kursivschrift gesetzte gehört natürlich nicht zur eigentlichen Erzählung, sondern sind nur allgemeine Hinweise und Anmerkungen.
Eike Fleer

 

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Jedes Jahr betrachte ich sie immer wieder gerne - unsere Krippe, die in der Advents- und Weihnachtszeit in unserer Auferstehungskirche aufgebaut ist. Und manchmal vertiefe ich mich dabei besonders in die Betrachtung einer der Figuren. Und dann versuche mich in den Menschen von damals hineinzuversetzen, den diese Figur darstellt. Wie mag er das Geschehen damals erlebt haben? Vielleicht so:

 

Ich bin Jakobus. Mein Vater heißt Alphäus. Ich war dabei, in jener Nacht. Zwölf Jahre war ich damals alt. Meine Eltern hatten einen kleinen Hof in Bethlehem. Wir lebten in erster Linie von unseren Schafen. Und dann hatten wir auch noch einige kleine Felder, auf denen wir Getreide für Brot anbauten. Ja, auch das Brot buken wir selber. Ich hatte an dem Tag vor der besonderen Nacht wieder lange die Handmühle gedreht. Ich kann euch sagen: Davon kriegt man Muskelkater, wenn man diesen schweren Stein längere Zeit in Bewegung hält. Aber ich fand: Allein der Anblick des schönen Mehls, dass dann aus der Seite unter dem Mahlstein hervorquillt, entschädigt einen dafür. Wusste ich doch: Daraus würde Mutter nachher einen Teig kneten und ihn mit etwas Sauerteig versetzen. Und nachdem der Sauerteig den Teig dann einige Stunden später ganz durchsäuert hatte, würde sie daraus wieder diese schönen Brote formen und in unserem Steinofen backen.

Und wenn die dann fertig sind: Ich sag euch, es gibt meiner Meinung nach keinen herrlicheren Duft als den dieses frisch gebackenen Brotes. Und meine Mutter sagte immer: "Brot ist Leben."  Ach, übrigens: Wenn ihr den Namen unseres Ortes, Bethlehem, in eure Sprache übersetzt, dann müsste er heißen: "Haus des Brotes", oder vielleicht in eurer Sprache noch besser: "Brothausen".

 

Abends habe ich meinen Vater Alphäus wieder zu unserer Schafsherde begleitet. Diese weidete zu der Zeit auf den abgeernteten Feldern vor unserem Ort. Des Nachts wurden sie in einfache Hürden, durch einfache bewegliche Lattenzäune  begrenzte Bereiche, eingepfercht. Unsere Knechte waren zu der Zeit immer bei der Herde und passten auf. Auch Nachts. Und auch wir beide - mein Vater Alphäus und ich - wollten zumindestens einen großen Teil dieser Nacht dort draußen bleiben. Mein Vater hatte mit den Knechten noch etwas wegen der nun bald wieder anstehenden Schafschur zu besprechen. Und dann wollten wir uns auch wieder an den Geschichten des alten Knechtes Elias erfreuen.  Dieser konnte so wunderschön am Lagerfeuer erzählen. An jenem Abend erzählte er wieder von Mose auf dem Berg Sinai. Von Mose, der so vertraut war mit Gott wie kein anderer Mensch. Und der Gott dann auf dem Berg Sinai gebeten hatte: Lass mich deine Herrlichkeit sehen. Aber Gott hatte ihm dies verwehrt mit den Worten: "Mein Angesicht kannst du nicht sehen, denn kein Mensch wird leben, der mich sieht." Und dann hatte Gott den Mose in eine Felsspalte gestellte und seine Hand über ihn gehalten, als er mit seiner Herrlichkeit an ihm vorüberzog. Und Mose durfte nur hinter ihm her sehen.     (s. 2. Mose 33, 20 ff.)

Von dieser Geschichte von Mose auf dem Berg Sinai müsst ihr wissen, wenn ihr die die Furcht verstehen wollt, die wir kurz darauf hatten.  Lukas beschrieb das, was damals geschah, später  mit den Worten: "... und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie, und sie fürchteten sich sehr." Ja, Lukas, das "und sie fürchteten sich sehr", mit der du unser erstes Gefühl damals beschrieben hast, war in meinen Augen noch eine Untertreibung. Ich zumindestens hatte einen kurzen Moment damals richtige Todesangst - und klammerte mich eng an meinen Vater. Dieses unheimlich hell strahlende Licht - dass konnte doch nur die Herrlichkeit des Herrn sein, von der der alte Elias noch kurz zuvor gesprochen hatte. Erst als der Engel diese erlösenden und tröstenden Worte: "Fürchtet euch nicht." gesprochen hatte,  wich dies Erschrecken von uns - und wir konnten seine frohe Botschaft aufnehmen: Euch ist heute der Heiland geboren.

Der Heiland, auf den wir schon so lange gewartet haben. Klar, dass  wir, nachdem die Erscheinung des Engels und des Engelchores vorbei war, sofort aufbrachen. Wir suchten das Kind und seine Eltern und fanden es bald. Und an den Zeichen, die der Engel genannt hatten, erkannten wir es: ein neugeborenes Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

 

Und am anderen Morgen fragte ich dann meine Eltern: Können wir dem Kind, ich meine seinen Eltern - nicht eines dieser schönen Brote schenken, die wir gestern gebacken haben? Ja, sagte meine Mutter, und drückte mir eines der Brote in die Hände. Und dabei sagte sie wieder: "Brot ist Leben."  "Ja." sagte mein Vater. "Lasst uns gleich aufbrechen. Du darfst es ihnen geben." Und dann waren wir wieder bei Maria, Josef und dem Kind Jesus. Mein Herz klopfte heftig vor Aufregung, als ich Maria das Brot gab und sagte: "Für euch." Und dann die Worte meiner Mutter wiederholte: "Brot ist Leben."
Und da geschah es. Maria und Josef bedankten sich bei meinen Eltern und mir. Und dann hielt Maria dem Kind das Brot hin und sagte ebenfalls: "Brot ist Leben." Und das kleine Kind legte seine Händchen auf das Brot - wie wenn es das Brot segnen wollte. Und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Und da durchfuhr es mich heiß: Ja, es war mir, als hätte Gott selbst mich durch dieses kleine Kind angelächelt.

 

 

 

Ja, damals bin ich, Jakobus, Sohn des Alphäus, Jesus schon das erste Mal begegnet. Ich wusste damals natürlich noch nicht, dass er später einmal mein ganzes Leben bestimmen würde. Aber als Jesus etwa 30 Jahre später durch Galiläa zog, den Menschen von Gott erzähle, und viele Menschen an Leib und Seele gesund machte, da gehörte ich bald zum engsten Kreis seiner Anhänger. Ich kann also noch viele Geschichten von ihm erzählen. Vielleicht ein anderes Mal. Nur so viel heute noch: Oft noch, wenn er auf seine ihm eigene Weise Brot segnete, brach und austeilte, wurde ich an diese Begegnung mit ihm am ersten Tag nach seiner Geburt erinnert. Und als ich ihm dann das erste Mal davon erzählte, schaute er mich nur mit einem gütigen, wissenden Lächeln an - und nickte nur.

 

 

 

;-) Jakobus, Sohn des Alphäus = s. Apostelliste, Luk. 6, 12 ff. par.

Und noch zwei versteckte Anspielungen:

„..., wenn er auf seine ihm eigene Weise Brot segnete, brach und austeilte, ...“ - als er das tat, da haben auch die Emmausjünger schließlich den Auferstandenen erkannt.

"Brot ist Leben." - Jesus: "Ich bin das Brot des Lebens."

 


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