Pulex, der kleine Floh

Lese-/Vortragszeit etwa 6 Minuten.

 

 

Der Pulex war ein kleiner Floh,
ein klitzekleiner Hüpfefloh
im Wanderzoo.

Er musste schon seit vielen Tagen
ein schweres Band am Halse tragen.

Der kleine Floh war angebunden,
wie man das macht mit bösen Hunden,

weil sein Direktor ihn dressierte
und streng mit Schnur und Stöckchen führte.

Er sprach: "Du Furz sollst Geld verdienen,
so viel wie meine lieben Bienen.

Du Schlingel kannst nichts Süßes machen;
die Menschen aber werden lachen,

sofern du zum Gehorsam neigst
und ihnen kühne Sprünge zeigst.

Ich preise dich als Wundertier.
Wer zuschaut, zahlt drei Mark dafür."

+

Der Pulex, dieser kleine Floh,
der klitzekleine Hüpfefloh,

der sagte sich: Der große Mann
soll bald erleben, was ich kann.

Der Dummkopf ! Dieser Esel denkt,
Verstand und Mut sind sehr beschränkt

bei einem kleinen Hüpfetier.
Ich aber sehe schon die Tür

zur herrlich bunten Menschenwelt.
Sehr gerne springe ich für Geld.

Er rief ganz laut: "Direktor ! Du !
Beeile dich! Komm her im Nu!

Wir wollen beide hart trainieren
und keinesfalls noch Zeit verlieren !"

+

Der Pulex, dieser kleine Floh,
der klitzekleine Hüpfefloh

saß bald schon im Terrarium.
Und oben, unten, ringsherum,

da sah er Glas. Er hörte kaum,
in diesem engen, dichten Raum,

wie sein Direktor draußen schrie:
"Du dummer Floh, vergiss es nie:

Ich klopfe dort, und du springst hin,
so oft, bis ich zufrieden bin !"

Er klopfte laut, erst rechts, dann links.
Der Floh sprang hin. Und weiter ging’s.

Er hüpfte hin. Er hüpfte her.
Auch überkreuz, auch überquer,

bis sein Direktor gnädig nickte
und grinsend auf den Pulex blickte.

Er sprach: "Ich seh' du kannst es schon.
Gleich morgen ernte ich den Lohn !"

+

Der Pulex, dieser kleine Floh,
der klitzekleine Hüpfefloh,

war anderntags schon sprungbereit
Minuten nach der Frühstückszeit.

Er hörte des Direktors Ruf:
"Ein Meisterwerk, das ich erschuf !

Herbei ! Herbei, ihr guten Leute !
Bestaunt ein großes Wunder heute,

den Floh, der tolle Sprünge macht.
Ich wette, daß ihr Tränen lacht !

Ihr seht ein Superhüpfetier
und gebt mir gern drei Mark dafür !"

Die Menschen kamen angerannt,
als hätte es im Ort gebrannt.

Sie zahlten schnell und starrten stumm
auf Pulex im Terrarium.

+

Der Pulex, dieser kleine Floh,
der klitzekleine Hüpfefloh

sprang her und hin, sprang hin und her.
Die Menschen guckten, staunten sehr.

Sie guckten rechts, sie guckten links.
So sprang der Floh, und weiter ging’s.

Sie guckten hin, sie guckten her,
auch überkreuz, auch überquer.

 

 

"Wir müssten hundert Meter springen.
Nur so kann ein Vergleich gelingen !"

Dies rief der Herr Direktor eben.
Doch dann ging leider ´was daneben.

Nicht immer kann ja alles glücken.
Der Floh lag plötzlich auf dem Rücken.

Er ruckte, zuckte mit den Beinen.
Ein kleines Kind begann zu weinen.

+

Der Pulex, dieser kleine Floh,
der klitzekleine Hüpfefloh,

lag bald schon völlig reglos da,
wobei man nun sein Bäuchlein sah.

Ein Mann erklärte: "Der ist tot !
Verreckt durch große Atemnot !"

Ich hab gehört, wie dieses Vieh,
mit letzter Kraft um Hilfe schrie.

Direktor ! Jeder gab drei Mark !
Mach diesen Künstler wieder stark !

Wenn nicht, gibst du das Geld zurück.
Vielleicht hast du mit Hummeln Glück."

Der Herr Direktor sagte: "Leise !
Ich öffne mal das Glasgehäuse

und hauche dieses Flöhchen an,
damit es wieder springen kann !

Gebannt sah dann das Publikum
auf Pulex im Terrarium.

Und niemand, niemand dort erkannte,
daß dieser Floh die Muskeln spannte...

+

Der Pulex, dieser kleine Floh,
der klitzekleine Hüpfefloh,

erkannte die Gelegenheit -
und war sofort zum Sprung bereit.

Er saß sogleich nach kühnem Satze
auf eines Mannes blanker Glatze.

 

 

Ein neuer Sprung. Der Floh verschwand,
wie jeder sah, am Kragenrand

der Dame, die am nächsten stand –
und sich in großer Not befand.

Sie wurde rot. Sie wurde bleich.
"Igittegit !" So rief sie gleich.

"Direktor ! Ruf das Krabbelvieh !
Ich fühle was, wie sonst noch nie !

Herrje ! Es ist dem Rücken nah !
Jetzt tiefer ! Hu ! Was tut es da ?

Wo ist das nächste Damenklo ?
Ich murkse diesen frechen Floh !"

Sie rannte schnell zu jenem Ort.
Der Pulex aber war schon fort.

+

Der Pulex, dieser kleine Floh,
der klitzekleine Hüpfefloh,

genießt die große Freiheit sehr
und hat jetzt keinen Herren mehr.

Er springt dahin, er springt daher,
Auch überkreuz, auch überquer.

Der Floh ist hier, der Floh ist da.
Und mancher denkt auch schon : Aha !

Da juckt mich was. Das muss er sein !
Jetzt hier am Bauch. Jetzt dort am Bein !

Doch sucht man ihn, ist er verschwunden –
und krabbelt schon beim nächsten "Kunden".

Er trinkt vom roten Lebenssaft.
Der gibt ihm große Lebenskraft

und macht den Pulex jederzeit
zum Sprung zu mir und Euch bereit.

 

Es hilft kein Betteln, auch kein Klagen.
Wir sollten daher weise sagen:

Es war,
es ist,
es bleibt auch so:
ein jeder Mensch
hat mal 'nen Floh!

Nachwort (Ein freundlicher Rat):

Wer nicht gern sagt, ich hab ‘nen Floh,
der spreche anders, etwa so:

"Geehrte Herrn, verehrte Damen,
mein Gast trägt einen großen Namen.

Er ist als Springer weltbekannt,
der schnell bei allen Einlass fand.

Die Wissenschaft verlieh ihm Glanz...
Mein Gast ist ... Pulex irritans!"

 



Hochgeladen auf priormart.com

Alle Rechte nun bei der Erbengemeinschaft
von Ewald Fleer, 32130 Enger