Lisa Lustig zähmt ein Schreckgespenst

 

 

Es hat in einer dunklen Nacht
am Himmel fürchterlich gekracht.

Die Blitze zischten hin und her
und Donnerschläge knallten sehr.

Dann folgte böses GrummelGrommeln
auf vielen Riesenhimmelstrommeln.

Der Regen fiel gleich kübelweise
nach langer nasser Wolkenreise.

Aus Winden wurde ein Orkan
mit breiter wüster Schreckensbahn.

Der machte manches platt und krumm
und warf auch dicke Bäume um.

Den Häusern nahm er manches Dach
mit Wirrgeklirr und Polterkrach.

Wie Blätter wehten Vögel fort
zu irgendeinem fremden Ort.

Man hörte sie verzweifelt schrein:
„Erbarmen! Gnade! Sturm halt ein!“

+

Obwohl sie gern geschlafen hätte,
lag Lisa Lustig wach im Bette.

 

 

Sie zog die Decke bis zum Kinn
und horchte so nach draußen hin.

Dort kam in dieser schlimmen Nacht
ein Wolkenpferd in wilder Jagd.

 

 

Zwei Schreckgespenster waren Reiter,
des Pferdes lärmende Begleiter.

HuiHuiii! HuiHuiii!“ So riefen die.
„Galopp! Galopp! Du lahmes Vieh!

Wir Geister müssen schneller reiten,
und Furcht und Schrecken weit verbreiten.

Schon bald woll'n wir bei Lisa sein.
Sie ist die ganze Nacht allein!

In ihrem schönen warmen Zimmer,
da geistern wir mit Spukgewimmer,

mit bösen Fratzen, langen Krallen
und machen BUMM! wie Flinten knallen!

Gespenster müssen Angst verbreiten -
an jedem Ort, zu allen Zeiten!

Die Angst ist unser bester Lohn -
und Angstgeschrei der schönste Ton.“

 

Sie sprangen dann im vollen Trab
vom wilden Wolkenpferd herab.

HuiHusch! Schon waren sie im Haus
und zogen ihre Stiefel aus,

weil keine Leute hören sollten,
dass sie zu Lisa Lustig wollten.

Gespenstervater war der eine,
Gespenstersohn der andre, Kleine.

Der schnupperte am Schlüsselloch,
ob etwas schon nach Lisa roch.

 

„Mein Sohn“, sprach Jupa, der Papa,
als er den Kleinen schnuppern sah,

„Gespenstersohn, du darfst allein
mit Lisa jetzt im Zimmer sein.

Dann zeigst du, wie man Schrecken macht.
Du hast dir doch was ausgedacht.

Nur wer ein Kind erschrecken kann
wird einst ein großer Geistermann!

Nun guck nicht dumm. Was willst du noch?
Hinein! Hinein durchs Schlüsselloch!“

+

Ihr lieben Kinder, sagt mir nun,
was sollte Lisa Lustig tun?

Ein kleines Mädchen - und Gespenster -
Gewitterblitze nah am Fenster -

mit Donnern, die gewaltig grollten
und gar kein Ende nehmen wollten. -

Entsetzlich groß war die Gefahr,
in die das Kind geraten war.

Denn Spuk und Blitze fürchten heute
doch auch die meisten großen Leute.

Was aber sollte Lisa machen
als es geschah nach Donnerkrachen?

Ganz plötzlich - husch - war ES im Zimmer
und spukte dort mit Angstgewimmer.

Es kroch ... als Wurm

sehr lang ... und dünn

von einer Wand ... zur andern hin.

 

Es quiekte, kreischte, schlängelte.
Es zischte, maulte, drängelte.

 

Es wurde dick,
ein runder Ball,

war hier, war dort,
war überall.

Man hörte Quieken, Quaken, Keckern,
fast so wie alte Ziegen meckern.

Es heulte, zischte, machte Bumm
und tanzt wie wild im Kreis herum.

 

 

 

Dann keuchte der Gespenstersohn:
„Genug gespukt! Man sieht es schon:

Ich habe Lisa toll erschreckt.
Ich bin ein Meister, ganz perfekt!“

 

Der Kleine sah jetzt niedlich aus,
wie jemand aus dem Puppenhaus.

Drei Finger groß, mit Eselohren
und überall ganz kahlgeschoren,

ein Glatzkopf, fast ein Mondgesicht,
denn eine Nase sah man nicht.

Dafür vier Arme, spinnendünn.
Die reichten bis zum Boden hin.

Am Leibe saßen Stummelbeinchen,
so ähnlich wie bei Ferkelschweinchen.

Ein ziemlich kurzes Kringelschwänzchen
vollführte lustig Ringeltänzchen.

 

Was meint Ihr wohl, was Lisa tat?
Ob sie den Knirps um Gnade bat?

Nein nein. Das Mädchen hatte Mut,
und das tut jeder Sache gut.

Die Lisa sagte: „Komm, du Fratz.
Bei mir im Bett ist reichlich Platz.

Und dann erzähl mir, wie du heißt,
du lieber süßer Poltergeist.“

„Ich heiße Jupi.“, sprach der Kleine.
„Ich spuke heute ganz alleine.

Gespenstermeister bin ich jetzt,
denn du hast Angst, du bist entsetzt!“

Die Lisa sagte: „Liebewicht,
ich fürchte Blitz und Donner nicht.

Dein Spuk hat großen Spaß gemacht.
Am liebsten hätt‘ ich laut gelacht!“

Der Jupi weinte: „Nicht entsetzt?
Kein Meister? Jammer! Oh, was jetzt?

Papa steht draußen vor der Tür.
Der knufft und haut mich gleich dafür,

dass ich dich nicht erschrecken kann.
So werd' ich nie Gespenstermann...!“

 

Die Lisa machte Kribbelkratze
auf Jupis kleiner blanker Glatze.

Sie lachte etwas, nur hahaa.
Erstaunlich war, was da geschah.

Denn Jupi, das Gespensterkind,
verkroch sich tief im Bett geschwind.

Ein Bein, der Po, dazu ein Ohr,
die ragten daraus noch hervor.

Das Lachen hatte ihn erschreckt.
Nur darum war er so versteckt.

 

„Jetzt weiß ich's!“, rief der Kleine dann.
„Ein Meister ist, wer so was kann!

Du, Lisa, hast mich sehr entsetzt!
Du kannst schön spuken, weiß ich jetzt!

Das Lachen fürchten alle Geister.
Wer's kann, ist Obersupermeister!

Ich will es lernen. Schnell. Von Dir!
Du kriegst auch einen Kuss dafür!“

 

Die Lisa wusste, wie man macht,
dass jeder lustig wird und lacht.

Sie kraulte diesen kleinen Mann,
und der fing gleich zu lachen an.

Erst leise: Hihi ha haha.
Dann lauter: Haha hahaha!

Er hüpfte wild im Bett herum
und fiel -Padauz- ein paarmal um.

Er tat es selbst. Er wusste nun:
Ich muss nur da und da was tun.

Er kraulte sich, ganz wild, am Hals,
am Bauch, am Ohr und ebenfalls

an einem Fuß, mit allen Händen.
Sein Lachen wollte gar nicht enden,

war laut, war lustig, ohne Frage
für Menschenohren eine Plage.

 

Und dann geschah’s: Er pupste laut -
und hat sich staunend umgeschaut.

Kein Wunder, denn der Stinkeblubs
klang wie ein Elefantenpups.

Er rief: „O Oooh! Ich kann zum Lachen
noch solche tollen Töne machen!

Jetzt fürchten mich auch große Geister.
Jetzt bin ich doch Gespenstermeister!“

 

Er wurde lang. Er wurde dünn.
So schwebte er zur Türe hin -

und kroch durch‘s Schlüsselloch hinaus.
Dahinter rief wer: „Schreck! und Graus!“

Es war der Jupa, der Papa,
der seinen Jupi wiedersah.

Er war erschreckt wie bisher nie.
Ihm schlotterten die Geisterknie,

denn Jupi sagte kess und keck:
„Papa, ich bin Gespensterschreck.

Ab heute fürchten alle Geister
mich, Jupi, den Gespenstermeister!“

Er kraulte sich - mit allen Händen.
Sein Lachen wollte gar nicht enden.

Er lachte, pupste, pupste, lachte,
was Jupa rasend ängstlich machte.

Der Arme rannte, fiel und rannte
wie einer, dem die Hose brannte.

Er sprang auf’s nächste Wolkenpferd.
„Das alles …“ schrie er „ … ist verkehrt!

Mein Sohn, du machst mir große Angst!
Ich bin entsetzt, wie du mir dankst!

Hüho! Hüho! Zurück nach Haus!
Hier lachen uns die Kinder aus!“

Doch alles Zetern half nicht weiter.
Auch Jupi wurde Wolkenreiter.

Er folgte Jupa, dem Papa,
der dieses mit Entsetzen sah.

Der Sturmwind trug die beiden fort
zu ihrem fernen Geisterort.

Von weitem nur, schon fast verschollen,
erklang noch dumpfes Donnergrollen.

Es klang, als wenn wer Pupser machte
und wie ein Kobold meckernd lachte.

 

Doch dann war’s still - und Lisa schlief
in dieser Nacht besonders tief.

Sie hatte einen schönen Traum.
Der führte sie aus Bett und Raum

im Nu bis ins Gespensterland,
wo sie sofort den Jupi fand.

Sie sah, was dieser Schlingel tat,
und wie man ihn um Gnade bat.

Sie sah, wie die Gespenster flohn
vor Jupas kleinem Geistersohn.

Denn immer, wenn der Jupi lachte
und einen lauten Pupser machte,

verkrochen sich die Geister dort,
mit Kopf und Bauch, an jedem Ort,

so dass die Lisa fern und nah
im Traum zuletzt nur Popos sah.

 

Sie sagt seitdem den Kindern - allen:
„Lasst euch von Geistern nichts gefallen!

Ihr könnt die Bande schon durch Lachen
so ängstlich wie die Hasen machen.

Die rennen, fliehen Hupf HupfHups -
und flehen: Bitte, keinen ...“



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von Ewald Fleer, 32130 Enger