Drei Brüder zogen durch die Welt.

Die beiden größeren, Fritz und Franz, waren stark und, wie sie sagten, auch sehr klug. Der dritte Bruder hieß Hans und war klein. Die Großen nannten ihn einen Dummkopf, weil er die Tiere liebte und schützte.

Im wirklichen Leben werden Dummheiten und Bosheiten gelegentlich bestraft und gute Taten ebenso oft belohnt.
Ganz anders ist das in den Märchen. Dummheiten und Bosheiten werden dort immer bestraft und gute Taten immer belohnt.

Dies erzähle ich in der folgenden Geschichte vom Zauberhans. Ihr lest oder hört, was der kleine Hans tat, wer seine dankbaren Helfer waren und wie er zuletzt sogar König wurde.

 

 

Der Zauberhans

 

(Wie der kleine Hans für seine
guten Taten belohnt wurde)

Motive aus Gebr. Grimm: Die Bienenkönigin..

 

 

 

 

Drei Brüder zogen durch die Welt.
Die werden euch jetzt vorgestellt.

Zwei Große hießen Fritz und Franz.
Ein Kleiner trug den Namen Hans

 

 

Sie trafen eine graue Maus.
Die sah sehr ungewöhnlich aus.

Es war der liebe Mäusekönig.
Der träumte, sonnte sich ein wenig.

 

Der Fritz, der Franz, die suchten Knüppel.
„Wir schlagen diesen Knirps zum Krüppel!“
erklärten sie. „Dann schreit er sehr.
Und laufen kann er niemals mehr!“

Der Hans rief zornig: „Pfui! Gemein!
Es könnte unser Helfer sein!
Vielleicht wird jeder bald belohnt,
der dieses Mäuslein liebt und schont!“

 

„Du Esel!“ schimpften Fritz und Franz.
„Du bist ein Dummkopf, kleiner Hans!

Kein Tier belohnt, dass man es schont.

Sieh hin, die Maus rennt eilig fort –
und niemand hört ein Dankeswort!“

 

Sie kamen dann an einen Teich
und sahen dort im Wasser gleich
den dicken Frosch, den Mückenfänger
und König aller Wassersänger.

 

Der Fritz, der Franz, die suchten Steine.
„Die werfen wir auf seine Beine
und seinen Bauch!“ erklärten sie.
„Der Quakefrosch vergisst uns nie!“

Der Hans rief zornig: „Pfui! Gemein!
Es könnte unser Helfer sein!
Vielleicht wird jeder bald belohnt,
der dieses Fröschlein liebt und schont.“

 

„Du Esel!“ schimpften Fritz und Franz.
„Du bist ein Dummkopf, kleiner Hans!

Kein Tier belohnt, dass man es schont.

Sieh hin, der Frosch schwimmt eilig fort
und niemand hört ein Dankeswort!“

 

Sie sahen einen hohlen Baum
mit einem Nest, den Lebensraum
der schönen Bienenkönigin.
Die summte leise vor sich hin.

Der Fritz, der Franz erklärten gleich:
„Wir rauben ihr das Königreich!

 

Die Bienen dort in ihrem Haus,
die räuchern wir mit Feuer aus!

Wir feiern einen Festtag heute,
denn süßer Honig lockt als Beute!“

Der Hans rief zornig: „Pfui! Gemein!
Es könnten unsre Helfer sein!
Vielleicht wird jeder bald belohnt,
der diese Bienen liebt und schont!“

 

„Du Esel!“ schimpften Fritz und Franz.
„Du bist ein Dummkopf, kleiner Hans!

Kein Tier belohnt, dass man es schont.

Wir gehen ohne Honig fort –
und niemand hört ein Dankeswort!“

 

Der Tag verging. Sie klagten matt:
„Wer hilft? Wer macht uns heute satt?
Der Hunger plagt uns jetzt schon sehr.
Und morgen schmerzt er vielmal mehr.“

Da war ein Schloss. Sie gingen hin.
Doch was entdeckten sie darin?

 

 

Es war entsetzlich! Stellt euch vor:
Schon vor dem großen Eingangstor,
da standen Wachen, ganz aus Stein...
Die Brüder riefen: „Nein! Oh nein!

Wie konnte dieses hier geschehn?
Was wir jetzt fühlen oder sehn,
das ist aus Stein! Die Menschen alle,
sogar die Tiere dort im Stalle,
die Speisen auch in jeder Kammer
sind harter Stein! Welch großer Jammer!

Wie sollen wir uns nun ernähren?
Wer kann uns diesen Spuk erklären?“

Dann – plötzlich – hörten, sahen sie,
wie jemand lachte: Hihihiiiii !

 

 

Ein kleines Männlein war erschienen.
"Ihr müsst", rief dieses, "mir jetzt dienen!

Ich bin Maxbuuh, der Hexenmeister
und Häuptling aller Zaubergeister.

Drei Proben müsst Ihr gut bestehn.
Wenn nicht, dann ist's um euch geschehn.
Wer hier nicht klug und weise handelt,
wird gleich zu hartem Stein verwandelt!“

„Du Winzling!“ riefen Fritz und Franz.
„Dich fürchtet nur der kleine Hans!
Wir Großen freu'n uns auf die Proben.
Du Knirps wirst unsre Klugheit loben!“

Sie blickten frech auf' s kleine Männlein,
das schnell aus einem Silber-Kännlein
mit Schwung wohl tausend Perlen goss.
Die rollten schnell durchs ganze Schloss.

In allen Winkeln, Ritzen, Ecken,
da blieben sie verborgen stecken.

„Und morgen früh“, befahl das Männlein,
„sind alle wieder hier im Kännlein!

Wenn nicht, dann hex ich euch zu Stein,
dann hilft kein Betteln und kein Schrein!“

Der Fritz rief: „Ist ja kinderleicht!“
Der Franz rief. „Wird ganz schnell erreicht!“

Sie krochen hin - sie krochen her -
und sahen bald: Es war sehr schwer.

Die Perlen waren gut verborgen.
Die Brüder hatten bis zum Morgen
das Kännlein eben halb gefüllt
und waren dann ein Jammerbild.

 

Maxbuuh, der lachte :Hihihiiii ii !
Den Fritz, den Franz, schon hab ich sie!“

Zu Stein verwandelt war’n sie bald
und standen da, so hart, so kalt,
dass jemand, der sein Messer wetzte,
gewiss nicht ihre Haut verletzte.

Das kam von ihrem Übermut.
Der ist bekanntlich niemals gut.

 

Maxbuuh, der sprach, zu Hans gewandt:
„Nun sammle du mit flinker Hand.

Du musst ein Meisterwerk vollbringen,
sonst kann die Probe nicht gelingen.“

Und kichernd goss er schnell, o Graus!
die tausend Perlen wieder aus.

Auch Hans fing gleich zu suchen an.
Doch als der Abend schon begann
und als er dann in's Kännlein sah –
o weh! wie sehr erschrak er da.

Er hatte wenig nur vollbracht,
und bald begann die dunkle Nacht.

Verzagt und traurig war er nun.
Er klagte laut: „Was kann ich tun?“

Da klopfte jemand an die Tür
und sagte: „Hans, wir helfen dir!“

 

 

Der Mäusekönig kam herein –
und hundert Mäuse hinterdrein.

Die suchten schnell in allen Ecken,
in vielen Winkeln und Verstecken.
Nicht eine Perle blieb verborgen,
und Hans war frei von allen Sorgen.

„Er hat die Tiere lieb geschont
und wird von uns jetzt reich belohnt!“

Das riefen alle Mäuse dort
und liefen - husch husch - wieder fort.

 

Maxbuuh, der kam am Morgen früh
und staunte sehr, wie bisher nie.

Er rief: „Wer hätte das gedacht!
Du hast ein Meisterwerk gemacht!

Doch jetzt beginnt die zweite Probe.
Unmöglich, dass ich danach lobe!“

Er führte dann den Hans sogleich
zu einem großen tiefen Teich.

„Dort unten“, sprach er, „liegt ein Ring.
Den habe ich vor Wochen flink
dem Königstöchterlein gestohlen.
Und den musst du vom Grunde holen.

Nun sei bald mutig, spring hinein,
sonst mache ich auch dich zu Stein!“

Der Hans hielt einen Zeh ins Wasser.
Er fühlte schnell: Es war viel nasser
und vielmal kälter, als er dachte,
weshalb er alles langsam machte.

Er tauchte seine Füße ein,
ging tastend in den Teich hinein.

Das Wasser stieg, bis an die Knie –
und dann noch weiter, irgendwie,
war bald am Bauch - und dann am Hals!

Der Hans rief ängstlich: „Keinesfalls
versuch ich's weiter! Nie und nimmer!
Ich bin doch nur ein schlechter Schwimmer!“

Er wollte unter Wasser gucken –
und musste husten, keuchen, spucken.

Am Abend weinte er vor Gram,
als plötzlich doch noch Hilfe kam.

Der König Frosch kam schnell geschwommen,
hat Hans in seinen Arm genommen.

Er sprach: „Ich werde dich belohnen,
wie alle, die uns Tiere schonen.“

Dann tauchte er, bis hin zum Grund
und hatte bald den Ring im Mund.

 

Den gab er Hans.
Der küsste ihn –

und ließ den Frosch
dann weiterziehn.

 

Maxbuuh, der kam erneut am Morgen.
Doch Hans war wieder ohne Sorgen.

Aus seiner Tasche zog er flink
den kleinen goldnen Fingerring.

„Man glaubt es kaum!“ So rief das Männlein.
„Du fülltest schnell das Perlenkännlein
und fandest auch den Ring im Teich.
Zwei Wunder gab es hier zugleich!

Doch warte nur. Ich kriege dich.
Dann freu ich mich! Dann tanze ich!“

Es zog den Hans zum Schloss zurück
und sprach: „Versuch noch mal dein Glück.

Die dritte Probe fängt jetzt an,
die schwerste, die ich je ersann!

Die große Blumenwiese dort“,
so fuhr Maxbuuh dann listig fort,
„hat EIN Geheimnis, gut verborgen.
Du musst es kennen bis zum Morgen!

Die Königstochter hat vor Wochen
mit allen Blumen lieb gesprochen
und einer einen Kuss gegeben,
der Zauberblume für das Leben.

Nur diese Blume sollst du finden!
Du kannst dann alles überwinden.

Berühr damit die Steingestalten.
Sie werden Leben gleich erhalten.

Du kannst sie allesamt befrein!
Doch hexe ich auch dich zu Stein,
wenn du zur falschen Blume gehst
und diese Probe nicht bestehst!“

Sehr traurig wurde nun der Hans
und sehr verzagt. Er sprach: „Wer kann’s?

Die Mäuse füllten mir das Kännlein
mit allen Perlen für das Männlein.

Der Frosch gab mir den Fingerring,
als es um diese Probe ging.

Doch wer hilft heute? Wer verkündet,
wie man die Zauberblume findet?

Ich sehe tausend und viel mehr,
ein riesengroßes Blumenheer.“

Dann hörte Hans ein leises Sausen
und bald danach ein lautes Brausen.

 

 

Ein Bienenvolk flog schnell heran.
Ganz vorn, wie man sich denken kann,
sah Hans die Bienenkönigin.
Die hatte Gutes nur im Sinn.

Sie rief: „Der Hans hat uns geschont!
Jetzt helfen wir, er wird belohnt!

Fliegt alle schnell ins Schloss hinein
zum Königstöchterlein aus Stein!

Es duftet wie in allen Jahren,
weil Steine manchen Duft bewahren.

Und dann sucht hier, weil Hans gern wüsste,
welch Blümlein es hier draußen küsste.
Das duftet wie das Königskind.
Sucht dieses Blümlein ganz geschwind!“

In kurzer Zeit war das erreicht.
Für Bienen war es kinderleicht.

Der Hans bekam die Zauberblume
und nutzte sie zu seinem Ruhme.

Er tupfte damit alles an,
was dort vom Männlein irgendwann
zu Stein verzaubert worden war.

Das Königskind, das Königspaar,
Minister, Köche, Sekretäre,
Soldaten mit dem Schießgewehre,
die Diener, ja sogar die Brüder,
bekamen so ihr Leben wieder.

Sie alle haben froh gelacht
und gleich ein großes Fest gemacht.

Und als Maxbuuh am Morgen kam,
da fauchte er vor Wut und Gram:

„Verdammt! Was muss ich heute sehn?
Das dritte Wunder ist geschehn!

Das will ich nicht! Das ärgert mich!
Ich räche mich jetzt fürchterlich!

Auch wenn hier alle schrecklich schrein. -
Ich hexe sie erneut zu Stein!“

Er hob den Hokuspokusstab,
bevor er sich ins Schloss begab.

Dort riefen alle: „Nein! Nein! Nein!!
Wir wollen nie mehr Steine sein!“

Maxbuuh, der sagte: „Hex! HexHex!“

Er hampelte, er strampelte,

und schrie noch einmal: „Hex! HexHex!“

Doch Hans, der lachte, als er's machte.

Er tupfte den Maxbuuh nur an -
mit seiner Blume - und gewann!

Maxbuuh war mühelos besiegt
und hat die Strafe gleich gekriegt.

Der Hans hat ihn zu Stein gemacht
und dann zum Garten hingebracht,

damit er dort als Zwerglein stand,
mit seinem Stöckchen in der Hand.

 

 

Auch heute soll er dort noch stehn.
Schon viele haben ihn gesehn.

Und Hans, der kleine, wurde König.
Das ist bekanntlich gar nicht wenig.

Er nahm als Frau das Königskind.
Und wenn sie nicht gestorben sind,

dann leben sie gewiss auch heute
noch immer als vergnügte Leute.

Woran man sieht: Es wird belohnt,
wer alle Tiere liebt und schont.

 

 

 

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Alle Rechte nun bei der Erbengemeinschaft
von Ewald Fleer, 32130 Enger