Im Deutschen Bienenjournal 8/1993 (dort weitere Quellen) wurde berichtet, daß Chajjim Nachman Bialik (1873-1934) eine alte biblische Legende ausgeschmückt und erzählt hat. Sie beschreibt eine Episode aus dem Leben des israelischen Königs Salomo, Sohn des Königs David, der 1000 Jahre vor Christi Geburt in Jerusalem herrschte. Salomo war bekanntlich sehr klug und weise und besaß einen Harem mit 700 Haupt- und 300 Nebenfrauen. Sein Reichtum, seine Weisheit und seine Potenz waren 'weltbekannt'. Davon hörte auch die Königin von Saba. Sie reiste nach Jerusalem, um Salomo zu besuchen und sich von allem zu überzeugen. Von diesem 'historischen' Treffen handelt meine Geschichte, die mit einem scheinbar unbedeutenden Ereignis beginnt.

 

Eine Geschichte vom klugen König Salomo,
von der Königin von Saba
und von der kleinen Biene.

Der kluge König Salomo
verschlief den Tag einst irgendwo
im schönen Garten seines Schlosses.
Er träumte selig - und genoss es,

denn honigsüßer Blumenduft
erfüllte warme Sommerluft.

Ein Bienlein flog mit viel Gebrumm
um Salomos Gesicht herum.
Es irrte sich im grünen Grase -
und stach den König - in - die Nase.

Der unterbrach die Träumerei
und schrie entsetzt: „AuweiAuwei!
Die Nase wird zur dicken Gurke!
Wer dies getan hat, ist ein Schurke!

Ich werde mich entsetzlich rächen,
denn hier geschah ein Staatsverbrechen!“

Er rief: „Alarm!“ Die Wachen kamen.
Als diese den Befehl vernahmen:
„Sofort den Übeltäter her!“
da rannten sie und suchten sehr.

Mit Körben, Netzen, langen Zangen
war bald schon alles eingefangen
was tief am Boden läuft und kriecht
und hoch darüber schwebt und fliegt.

So fand man auch die Täterin
und brachte sie zum König hin.

Der sah sie an mit strenger Miene -
und sprach: „Aha, die kleine Biene!

Du Biest hast böse PIEK gemacht!
Die Strafe ist schon ausgedacht.

Du wirst gefangen sein im Turm!
Dort kriecht ein schrecklich langer Wurm!
Es wimmelt dort in jedem Schatten
von Mäusen, großen Kerkerratten.
Die Riesenspinne Siebenbein
fängt Bienen schon zum Frühstück ein.
Und überall sind Flattertiere;
die saugen Blut wie Nachtvampire.
Das Wasser strömt in großen Schauern
aus dicken eisig kalten Mauern!“

„Erbarmen!“ rief das Bienlein nun.
„Ich wollte dir doch gar nichts tun!

Ich bin so jung. Mir fehlt Erfahrung.
Ich suchte nur ein bisschen Nahrung,
als deine Nase, glaub es doch,
so herrlich wie die Blumen roch!

Erbarme dich! Bestraf mich nicht!
Ich kleiner, armer, dummer Wicht
verspreche, dir getreu zu dienen.
Das können auch die kleinen Bienen!“

Der kluge König Salomo,
der sagte nur: „Aha! Soso …“

Er kraulte seinen langen Bart
und blickte gar nicht mehr so hart.

Sein Zorn war also schon geringer.
Er hob nur drohend einen Finger
und sprach: „Du hast mir weh getan.
Nun guck mal meine Nase an.

Fast alle werden herzlos sagen:
Man muss die Täterin erschlagen!

Ich aber will dir Freiheit schenken
und jetzt nicht mehr an Strafe denken.

Verschwinde schnell - und flieg nach Haus!
Ich ruhe mich noch etwas aus.“

Das Bienlein rief: „O großes Glück!“
Es flog sofort zum Nest zurück.

Und Salomo, mit dicker Nase,
lag dann erneut im grünen Grase.

Schon bald danach kam Staatsbesuch.
Kamele schritten stolz im Zug.

Sie trugen eine Herrscherin
zu Salomos Palaste hin.

Die Königin von Saba kam -
und sagte ohne jede Scham:
„Ich suche hier den klügsten Mann -
und diesen liebe ich sodann.“

Die Frau war reich und blendend schön.
Von weitem war’s bereits zu sehn.

An jedem Morgen nähten Schneider
ihr sieben neue Seidenkleider.

Die Zehen trugen zehn Brillanten,
Geschenke ihrer Patentanten.

Zwölf Ringe schmückten jede Hand.
Um Hals und Brust und Hüften wand
sich ein Gewirr von Perlenketten;
die rasselten wie Kastagnetten.

Ihr Leib war wie aus Marzipan -
und Salomo trat nah heran.

Geheimnisvoller Weihrauchduft
versüßte seine Atemluft.

Er kriegte einen Flimmerblick
und träumte schon vom großen Glück.

Die Königin von Saba sagte,
dass dieses Träumen ihr behagte.
Noch besser aber seien Taten.
Er solle schnell ein Rätsel raten.

„Sieh dort die Blumen.“, lockte sie.
„Solch schöne sahst du hier noch nie.

In meinem fernen Heimatland,
da lebt ein Meister, weit bekannt,
der machte neun aus Wachs und Stroh.
Hör zu, mein lieber Salomo:

Du siehst jetzt zehn. Du bist doch klug.
Betrachte sie, und riech und such -
und find die Zehnte, denn nur diese
erblühte auf der grüner Wiese.

Gelingt es dir, folgt bald der Lohn.
Du darfst... Na ja, du weißt es schon ...“

Der kluge König Salomo
war sehr erfreut und sprach: „Oho!“

Er ging zum Blumenstrauße hin
und prüfte den mit manchem Sinn,
mit Auge, Nase, auch der Hand,
damit er schnell die Zehnte fand.

Jedoch... sie waren alle gleich,
und Salomo, der wurde bleich.

Ich kann es niemals! dachte er
und wurde immer trauriger.

O HERR! Die schöne Königin
geht bald zu einem andern hin!

Ich wüsste gerne, wie man's macht,
dann würde ich nicht ausgelacht.

Sobald er's dachte, hörte er,
wie jemand sagte: „Ist nicht schwer.
Denn ich bin hier und helfe dir.
Du warst sehr gnädig einst mit mir,
als ich in deine Nase stach
und bettelnd dir zu Füßen lag.
Nun suche ich aus diesem Strauß
die echte Blume dir heraus.“

Zuerst war Salomo erstaunt.
Dann aber war er gut gelaunt.

Ganz fröhlich wurde seine Miene,
denn vor ihm saß die kleine Biene.

Die flog geschwind zum Blumenstrauß -
und - streckte - ihren - Rüssel aus.

Nur einmal fand sie Honigsaft.
Sie rief: „Sieh her! Es ist geschafft!

Denn diese Blume nur ist echt.
Die andern alle sind nicht schlecht,
der Meister hat sie gut gemacht -
an Honig aber nicht gedacht.“

Der kluge König Salomo
war dankbar und von Herzen froh.

Mit echter Blume ging er hin
zu Sabas schöner Königin.

Die küsste ihn. Sie ließ ihn beben
und wie auf rosa Wolken schweben.

Denn nun geschah, nicht dann und wann,
was jeder sich wohl denken kann.

***

Wenn Euch demnächst ein Bienlein sticht,
ertragt den Schmerz, erschlagt es nicht!

Der Stachel bleibt nicht immer sitzen.
Warum sich also gleich erhitzen ?

Vielleicht macht Euch das Bienlein froh -
wie einst den König Salomo.

 




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